Frauen helfen Frauen e.V. im Landkreis Mühldorf am Inn

Flirt kontra sexualisierte Gewalt (OVB 31.01.18)

Die #metoo-Debatte hat in der Gesellschaft ein Tabu-Thema an die Oberfläche gespült. Das begrüßt Sonja Kraus von „Frauen helfen Frauen“. Allerdings: Ungut wird es, wenn Flirten und Sexualität mit sexualisierter Gewalt vermischt werden. Catherine Deneuve hatte sich in die Debatte eingemischt und für Irritationen gesorgt. „Dabei geht es nicht um sexuelle Freiheit, sondern um die Gewalterfahrung der Opfer“, so Kraus.

Waldkraiburg – Jede vierte Frau hat mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erfahren – und das betrifft alle Schichten, so informiert Sonja Kraus, Sozialpädagogin der Beratungsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“ und zitiert damit aus einer Dunkelfeldstudie des Bundesfamilienministeriums. Seit der #metoo-Debatte konnte das Thema sexuelle Übergriffe auf Frauen – im Job und generell – einen weiteren Schritt aus der Tabuzone machen. Und das ist so wichtig, findet Kraus.

Frau Kraus, haben Sie mehr Beratungsfälle, seit #metoo losgetreten wurde, von Frauen, die in Hollywood von Männern in Machtpositionen missbraucht wurden?

Der Vergleich wäre interessant, aber leider können wir das nicht festmachen, denn rund um den Zeitpunkt, als die #metoo-Kampagne losging, war unsere Beratungsstelle in Waldkraiburg krankheits­bedingt nur sporadisch besetzt. Verschiedene Fälle wurden durch „Frauen helfen Frauen“ in Burghausen dankens­werterweise aufgefangen.

„Es geht hier nicht um sexuelle Freiheit, sondern um sexualisierte Gewalt.“

Sonja Kraus Beratungsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“

Wie stehen Sie zur #metoo-Debatte? Inzwischen zieht sie weite Kreise und verwässert an manchen Stellen...

Dass die Debatte überhaupt ins Rollen kam, zeigt die Brisanz des Themas auf. Ich finde es wichtig, dass öffentlich darüber geredet wird, dass Frauen sich ermutigt fühlen, ihren Mund aufzumachen. Sie spüren, sie sind nicht mehr allein mit ihrem Problem und sind auch nicht schuld daran. Auch wenn sie es vom Kopf her wissen, realisieren sie, dass sie sich Hilfe holen können. Dass diese Schweigemauer damit durchbrochen werden kann, ist wichtig. Dabei sollte man in dieser Debatte keinesfalls verallgemeinern oder die Sachverhalte vermischen.

Was meinen Sie konkret?

Die Kampagne ermutigt Frauen, ihre Gewalterfahrungen öffentlich zu machen und auch zu Recht anzuprangern. Hier geht es nicht um einen Flirt, sondern um sexualisierte Gewalt.

Sie sprechen von sexualisierter Gewalt, die rein gar nichts mit dem Bereich Flirten, Annäherung oder Sexualität leben zu tun hat.

Genau. Diese Dinge sollte man nicht vermischen und das passiert leider gerade rund um die #metoo-Debatte – durch die Gegenbewegung von Catherine Deneuve und anderen. Sexualisierte Gewalt bedeutet, dass die Gewalt sexualisiert wurde. Hier geht es nicht um die Sexualität im Vordergrund, sondern um Gewalt und um Machtmissbrauch.

Catherine Deneuve hat mit ihrer Aussage „Hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten ist kein Delikt“ für Irritationen gesorgt.

Deneuve stellt die sexuelle Freiheit der Moral und dem Puritanismus gegenüber. Das war wichtig in der Zeit der 60er-Jahre, als man um die sexuelle Selbstbestimmung kämpfte. Doch wir leben heute in einer anderen Zeit. Heute muss man sich auch fragen, wie man mit sexueller Freiheit umgeht und daran hängt eine große Verantwortung. Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Leben des anderen beschnitten wird. Und auch Freiheit und Sicherheit stehen sich gegenüber. Wir alle wollen gewaltlos und sicher leben. Und, vor allem: Bei #metoo geht es nicht um sexuelle Freiheit, sondern um Gewalterfahrungen von Frauen.

Wie bei allen Debatten hilft es nicht weiter, zu verallgemeinern.

So ist es. Und fängt man unberechtigterweise an, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen, reagieren sie und auch Frauen berechtigterweise emotional, das Thema kocht hoch. Die Debatte zeigt, dass es eine Gratwanderung ist, wo genau Belästigung beginnt. Dabei könnten wir die Sicht darauf vereinfachen.

Können Sie das zusammenfassen?

Man sollte sich bei Annäherungsversuchen fragen, was ist vom Gegenüber erwünscht. Hartnäckiges Flirten beanstandet man in der Regel nicht. Frauen kommen nicht zu mir in die Beratung, weil man sie hartnäckig angeflirtet hat, sondern weil sie sexuelle und/oder physische und/oder psychische Gewalt erlebt haben und eventuell traumatisiert sind. Und das gilt es ernst zu nehmen! Bei der Annäherung der Geschlechter soll es um Respekt gehen. Und darum, das Gegenüber nicht als Objekt der eigenen Wunscherfüllung zu sehen. Normalerweise hat jeder Mensch ein Gespür dafür, was ankommt. Es gibt wenige Menschen, die zum Beispiel krankheitsbedingt dazu nicht in der Lage und behandlungsbedürftig sind. Überschreitet man die Grenze, zu etwas, das der andere nicht will, ist das bereits ein Übergriff – zum Beispiel verbale Anzüglichkeiten. Wenn ein Mann einer Frau nachstellt, obwohl sie das nicht will (in Schule, Job oder anderswo) ist das auch ein Übergriff.

Sie beraten Frauen. Die Hemmschwelle, eine persönliche Beratung aufzusuchen ist groß. Wie muss es erst Männern gehen, die Opfer von sexueller Gewalt werden?

Dass Frauen hierher kommen, da muss es schon ziemlich brennen. Für männliche Opfer muss es noch mal schwieriger, das Tabu ein noch größeres sein, darüber zu reden. Das hat auch mit den patriarchalischen Strukturen und der Erziehung zu tun, dass ein Mann immer der „Starke“ sein muss.

Seit ein paar Jahrzehnten findet ein gesellschaftlicher Umbruch statt. Alte Stereotype werden aufgebrochen. Das ist nicht nur für die Männer als „starkes Geschlecht“ schwierig, oder?

Generell leiden Männer wie Frauen unter den alten patriarchalen Strukturen. Dass schon seit Längerem alle umdenken müssen, weil Frauen ihre Frau ebenso stehen wie Männer ihren Mann – das ist ein langwieriger Prozess, in dem sich beide Geschlechter schwertun, weil Klischees und Standards und generell Rollenbilder verwischen und widersprüchlich sind. Frauen sollen weiblich und gleichzeitig tough sein, Männer stark und gleichermaßen einfühlsam und sensibel.

Quelle: Artikel im OVB vom 31.1.2018