Frauen helfen Frauen e.V. im Landkreis Mühldorf am Inn

Glauben an die Männer nicht verloren (OVB 02.06.16)

VON ANDREA KLEMM

Manuela Christ-Gerlsbeck ist das neue Gesicht der Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen“. Die Sozialwirtin hilft seit dem 1. April Frauen und Mädchen, die von Gewalt bedroht sind oder sie schon erleben mussten. Feinfühlig, diskret und stets im Sinne der Frauen läuft die Beratung ab. „Leider wissen immer noch zu wenig, dass es uns gibt, dass man sich an uns wenden kann und dass niemand gedrängt wird, bei der Polizei Anzeige zu erstatten“, sagt Christ-Gerlsbeck.

Waldkraiburg – Die Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen“, der Frauennotruf für den Landkreis Mühldorf, ist neu besetzt. Auf die Sozialpädagogin Monika Binder folgt Manuela Christ-Gerlsbeck. Sie ist seit dem 1. April im Einsatz. Die Kraiburgerin kennt man vielleicht durch ihr inzwischen zehnjähriges Engagement bei den Römerzwergerln; sie ist die Vorsitzende. Die Themenfelder unterscheiden sich natürlich zu ihrer Beratungstätigkeit beim Frauennotruf. Doch es gibt auch Überschneidungen. „Kinder- und Jugendarbeit ist auch Frauenarbeit. Man hat mit den Müttern zu tun und erlebt deren Problemlagen“, erklärt sie auf Nachfrage der Zeitung. Als gelernte Erzieherin hat sie vor vielen Jahren eine zweieinhalbjährige Weiterbildung zur Sozialwirtin gemacht. Ursprünglich wollte die 47-jährige Mutter von zwei Kindern in der Kinderund Jugendhilfe bleiben. Privat verschlug es sie aus dem Landkreis München nach Kraiburg, an der Berufsfachschule für Kinderpflege in Mühldorf unterrichtete sie die Praxisfächer. Immer wieder sei sie auf Menschen mit Beratungsbedarf getroffen, ob bei Fortbildungen oder durch ihr inzwischen gut ausgebautes Netzwerk.

Als die Stelle bei „Frauen helfen Frauen“ ausgeschrieben war, packte sie die Gelegenheit beim Schopf. Eine hauptberufliche Beratungstätigkeit reizte sie. Ihr ist es wichtig, die Öffentlichkeit mehr auf die Anlaufstelle aufmerksam zu machen. „Man kennt uns noch zu wenig“, sagt sie. Ihr Ziel ist es, den Frauennotruf so bekannt zu machen, wie etwa die Schwangerschaftsberatungs- oder die Erziehungsberatungsstelle im Landkreis. Beim Nachbarschaftsfest von KuBiWa am kommenden Samstag im Stadtpark (Beginn um 12 Uhr) will sie mit einem Infostand präsent sein. Auch Frauen mit Migrationshintergrund, die Hilfe bräuchten, sich aber nicht zu fragen trauen, sollen wissen, dass es dieses Angebot gibt. Waldkraiburg habe im gesamten Netzwerk der Frauennotrufe bayernweit einen Sonderstatus. Durch die vielen bunten Nationen habe sie auch immer wieder mit Frauen zu tun, die in Systemen sozialisiert wurden, in denen es solche Hilfsangebote nicht gibt.

Auch komme es immer wieder vor, dass Frauen mit Migrationshintergrund, deren Kinder in Deutschland geboren sind, es nicht wagen, sich von einem gewalttätigen Ehemann zu trennen, weil der die Angst der Frau um ihr Bleiberecht, oder das Recht, mit den Kindern sein zu dürfen, als Druckmittel benutzt. „Damit schüchtern die Männer diese Frauen ein, dabei ist es juristisch oft gar nicht haltbar, dieses Szenario“, so Christ-Gerlsbeck. Das sei ein weites Themenfeld, ebenso das Ausländerrecht, in das sie sich gerade einarbeite. Gewalt gegen Frauen sei ein Produkt dieser Gesellschaft, die großteils auch männlich dominiert sei. Ihr wäre es ein Anliegen, dass es für die Täter auch Beratungsstellen gibt. „Wollen wir die Ursache oder die Wirkung bekämpfen?", sagt sie. „Frauen helfen Frauen“ könne den Frauen tatsächlich helfen. Würde aber mit dem Mann, der ein Gewaltproblem hat, auch gearbeitet werden, könnte man auch seine folgenden Partnerinnen schützen, ist sie überzeugt. Auch die Täter beraten und deren zukünftige Partnerinnen schützen Den Glauben an die Männer habe sie nicht verloren, sagt sie schmunzelnd. Sehr viele, der Großteil in der Gesellschaft, verhalten sich gut. „Was bei uns an Problemen anlandet, betrifft den Teil, der es eben nicht hinkriegt. Wir sind aber auch keine Beratungsstelle für glückliche Familien.“

Supervision ist im Bereich der Sozialarbeit unerlässlich, damit einen das Leid der anderen nicht runterzieht. Christ-Gerlsbeck nickt zustimmend. Die kleine, zierliche und auch quirlige Frau hat eine zupackende Art, man fühlt sich gleich gut aufgehoben. Sie beschreibt ihre Gratwanderung zwischen der Empathie für die betroffenen Frauen und dem Abstand, den sie braucht, um ihre Arbeit machen zu können. Diese Balance müsse sie finden, wie sie sagt.

Frauennotruf: Beratung für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen
Die Beratungsstelle von „Frauen helfen Frauen“ ist für den ganzen Landkreis da. Hier werden Frauen und Mädchen beraten und unterstützt, die physische, psychische oder sexuelle Gewalt erfahren mussten oder davon bedroht sind. Die Beratung geschieht unverbindlich, diskret und parteilich – alles im Sinne der Klientin. Nicht immer geht die Gefahr vom Partner aus, oft ist es auch der Onkel, der Cousin oder sogar der Chef. „Wir drängen niemanden zur Polizei zu gehen. Wer das von sich aus will, wird von uns auf dem Weg dahin begleitet“, sagt Manuela Christ-Gerlsbeck. Oft verändert die Möglichkeit, dass sich die Betroffenen an jemand wenden und sich aussprechen können, schon etwas. „Es tut einfach gut, wenn man das Ganze irgendwo lassen kann – in einem geschützten Rahmen“, so Christ-Gerlsbeck. Ihre Sprechzeiten sind montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr. Termine können unter 0 86 38/8 37 97 vereinbart werden. Anfragen können auch via e-Mail gestellt werden unter info@_fhf-lkr-muehldorf.de . Außerhalb der Sprechzeiten läuft eine Bandansage mit dem Hinweis auf das landweite Hilfetelefon – für Akutsituationen nachts oder am Wochenende. Frauenhäuser und Interventionsstellen sind 24 Stunden und sieben Tage die Woche besetzt. „Dafür sind wir als Verein zu klein, aber wir sind gut vernetzt“, so Christ-Gerlsbeck. Manchmal trauen sich Frauen erst nach einigen Telefonaten zur Beratung her, erzählt sie. Wenn es nötig und nicht anders machbar ist, macht sie auch Hausbesuche. Die Beratungsstelle ist in Waldkraiburg am Stadtplatz 2 bis 4 (über dem Café Brosch) angesiedelt, der Eingang liegt an der Gebäude-Rückseite. kla

Quelle: Artikel im OVB vom 02.06.2016

Nachtrag: die neue Adresse lautet: Stadtplatz 16